Klappentext: »Verlangen. Unheil. Drogen.
Unschuld. Sex. Geist.
Vermächtnis. Feuer.

Melanie hat sich mit ihrem Erbe einen Traum erfüllt. Die eigene Hotelanlage in den Rocky Mountains. Dort endet der Ferientrip der Harpers im Desaster und in einem Fluch, der die Familie bis ins heimische Denver verfolgt. Um den Fluch abzuwenden, werden die Harpers in die Berge zurückkehren. Das weiß Melanie ganz sicher, schließlich hat sie den Fluch verhängt.
Denn sie ist ein Native American Girl.«

Ich habe ja schon oft genug erwähnt, dass ich es nicht besonders spannend finde, wenn deutschsprachige Autoren ein in den USA spielendes Setting, noch dazu mit amerikanischen Protagonisten (Deutsche im Urlaub wäre ja noch etwas anderes) verwenden.

Meist lese ich diese Geschichten dann nicht.

Es gibt allerdings noch die Möglichkeit, dass die Geschichte nur dort (in den USA, Kanada o.Ä.) handeln kann.
Wenn sie Elemente der »American Natives« enthält. Dies ist sozusagen die politisch korrekte Bezeichnung für »Indianer«, die sich selbst nämlich in erster Linie seit Jahrhunderten als Stammesmitglieder und nicht als eine einheitliche Volksgruppe sehen. (Erste Ausnahme erfolgte in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als sich die anfänglich militante Widerstandsbewegung »American Indian Movement AIM in den Großstädten, also außerhalb der angestammten Reservate, gründete.)

Das Sujet der vor allem modernen »Natives« spielt auch in den wenigsten Geschichten amerikanischer Autoren eine Rolle. Wenn, dann meist nur am Rande. Kein Wunder, denn auch in der amerikanischen Medienöffentlichkeit, sind die Eingeborenen kaum ein Thema.

Um so wichtiger und spannender finde ich es, wenn eine Story dies zum Grundgerüst ihres Plots macht. Wie im Fall des überraschenden Mystery-Drama-Thrillers von Jay Kay. (Von dem ich mal vermute, dass er kein Amerikaner ist, sich mit dem Thema »American Natives« in der heutigen Zeit aber auf jeden Fall sehr intensiv beschäftigt hat. Mich würde nicht wundern, wenn er diverse Reisen zu Reservaten unternommen hat und Kontakte zu Stammesmitgliedern hält.)

Diese fundierten Kenntnisse machen den größten Reiz der Geschichte aus. Geschickt vermischt Jay Kay Mythen der Natives mit einer Story im Hier und Jetzt, die ziemlich grandiose Mystery – ja, gelegentlich Horror-Elemente zeigt. Einer Story, die schlichtweg ein feiner Thriller mit etlichen Twists ist.

Der zeitlich verschachtelte Aufbau ist durch die verschiedenen Zeitformen in der Erzählweise spielend leicht zu erfassen und kreiert einen großartigen Spannungsbogen um das, was vor einem Jahr geschehen ist und was jetzt geschieht.

Die Auflösung des »Fluchs« (ohne zu Spoilern) fand ich nicht sehr geschickt, da mir ein anderer Faden (hier sage ich nur: »Rosalie«) plausibler erschienen wäre.
Hier gebe ich anderen Stimmen recht, dass die meisten Handlungen der Protagonisten insgesamt nicht wirklich nachvollziehbar scheinen. Für mich entsteht ein wenig der Eindruck, dass der Autor sie unbedingt der indianischen Legende »unterwerfen« wollte, was selbst im Rahmen der erzählten Geschichte nur bedingt plausibel rüber kommt. (Man könnte alles noch mit dem exzessiven Meskalingebrauch erklären.)

Während des Lesens hatte ich öfter mal das Gefühl, dass zu viele »brandheiße« Themen (Pubertät, Homosexualität, Drogen, gescheiterte Beziehungen usw.) verarbeitet wurden, aber nach Beendigung des Buches denke ich, dass es doch gut ist.

Denn das große Grundthema in »Native American Girl« ist meiner Meinung nach die Frage nach der Identität. Der Suche nach dem: »Wer bin ich?«. Und dies eben nicht nur, im durchaus vielfältigen Kosmos der Natives, zwischen Säufern und erfolgreichen Casino-Betreibern, sondern eben auch aller anderen Menschen. Mit all ihren Problemen zwischen selbstverstümmelndem Verhalten, Coming Out, Patchworkfamilie, ja sogar dem klassischen Klischee des gefallenen Rockmusikers.

Insgesamt ein solides Werk, ein spannender Thriller, in einer oft sehr poetischen Sprache, mit feinen übersinnlichen Gänsehautmomenten und viele Themen zum Nachdenken.

(Die Rechtschreib – bzw. Tippfehler halten sich auch in Grenzen, sind aber leider vorhanden.)

Ein kurzweiliges 4 Amazon Sterne Lesevergnügen, da flüssig und in überschaubarer Seitenanzahl geschrieben.

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