»Nighthunter – Hinter den Kulissen« Episode 08

Dass es über die gesamte Geschichte neben den beiden Nighthuntern Skinny und Louis auch andere wichtige Figuren geben würde, war mir schon beim Schreiben von Die Nacht der Ghule klar.

Ich denke, das muss es auch. Nichts hasse ich als Leser/Zuschauer einer Serie mehr, als wenn irgendwann neue Figuren eingeführt werden, von denen man bis dahin nie etwas gehört hatte. Die also wie das sprichwörtliche weiße Kaninchen irgendwann aus dem Hut gezaubert werden, ohne, dass man das Kaninchen vorher auch nur ansatzweise gesehen hat.
Beim Drehbuchschreiben gibt es den Spruch, dass immer dann in einer Serie neue Figuren und somit Nebenhandlungen eingeführt werden, wenn den Autoren nichts mehr eingefallen ist, die Produzenten aber noch weitere Folgen verlangt haben.
Mein Lieblingsbeispiel dafür ist die zweite Staffel von Twin Peaks, die damit aber das Ende herbeirief, da die Zuschauerzahlen sanken (nicht umsonst haben Mark Frost und David Lynch etliche Figuren/Handlungen in der 25 Jahre später entstandenen dritten Staffel unter den Tisch fallen lassen).

Zunächst schaute ich mir die in Die Nacht der Ghule schon recht dominante Nebenfigur des Pinkerton-Agenten Horace Whittmore an. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass der Konflikt – Louis will den Mondstein, Horace hat ihn, und eigentlich jagte Horace Louis, nur dass es sich jetzt umgedreht hat – nicht ewig aufrecht zu erhalten wäre.
Darum hat Horace auch erst einmal mehr Raum bekommen, sich zu entwickeln, sodass er im weiteren Verlauf noch die eine oder andere tragende (aber vor allem auch ambivalente) Rolle übernehmen wird.

Es wurde also Zeit, sich anderer Figuren anzunehmen.
Ich wollte von Anfang an mindestens noch eine starke weibliche Protagonistin haben.
Denn ich finde, dass Frauenfiguren im Fantasy- und Horrorbereich immer noch eher in der Minderheit sind. Auch reizt es mich, einerseits die Klischees zu bedienen, um sie auf der anderen Seite zu brechen.
Eine gute Frauenfigur ist für mich als männlicher Autor per se eine Herausforderung. Aus diesem Grund wird mit der vorliegenden Episode auch eine zweite Autorin genannt, denn ohne Anne Sandler wäre Annie Oates nicht das, was sie jetzt ist.
Daher hatte ich die Figur der Annie Oates schon früh vorgestellt, um sie später näher zu beleuchten.
Ebenso wie Horace steht sie zu Beginn der Erzählung am Anfang ihres Weges, ihrer Entwicklung.
Darum wollte ich keine coole Revolverheldin, also nicht einfach nur ein weibliches Pendant zu Louis. Keine Calamity Jane.

Nun, nachdem ich in den ersten sieben Bänden das Setting und vor allem die beiden Nighthunter recht gut eingeführt hatte, ich also auch davon ausgehen konnte, dass die Leser*innen mit meiner Art zu erzählen vertraut sind, war endlich der Raum, Annie hervorzuholen.
So viel kann ich jetzt schon einmal versprechen: Sie hat einen weiten Weg vor sich und wird uns mindestens genauso oft begegnen wie Horace. Vielleicht sogar öfter. Ich habe ihr eine sehr große Rolle in der finalen Endschlacht zugedacht.
Auch Josh wird wieder auftauchen. Versprochen!

Der jetzt hiermit beendete Band 8 ist nicht nur die Geschichte, in der Annie Oates mehr Gewicht bekommt, es ist auch die zweite Episode in Folge, die Geistwolf etwas näher beleuchtet.
Darum möchte ich auf die Entstehung von Hexenjagd am Salish-Lake noch etwas mehr eingehen.
Ich mag es ja immer sehr, wenn ich meine Figuren durch die Interaktion mit anderen Personen detaillierter darstelle, statt sie selbst durch ein langweiliges »Er tat das, weil er …« zu führen. Es ist schöner, wenn die anderen Figuren sozusagen als Spiegel fungieren.
Darum wollte ich Skinny diesmal jemanden gegenüberstellen, der ihn an seine Grenzen bringt, sodass auch der Skinwalker verletzlich wird. Bei so übernatürlichen Figuren ist es ja immer schwer, Spannung zu erzeugen. Denn, hey, wer kann schon Superman gefährlich werden?
So entstand die Figur des Hexenjägers.
Am Anfang bestand diese Figur nur aus ihrer äußeren Erscheinung, die ich einer Miniatur des Tabletopspiels Wild West Exodus entnommen hatte. Der Kerl sieht so cool aus, dass ich ihn verwenden musste. Wer recherchieren will, einfach nach Wild West Exodus und Apache Kid suchen.
Ich packe hier kein Bild von der Miniatur hinein, da ich keinen Ärger wegen Urheberrechtsverletzungen haben möchte.
Als ich anfing, die Story für den vorliegenden Band zu planen, kam ich darauf, dass ich eine Figur haben wollte, die als Hexenjäger arbeiten kann – weil einerseits Magie keinerlei Auswirkungen auf sie hat, sie Magie bei anderen aber wahrnehmen kann, selbst wenn diese nicht um ihre Fähigkeiten wissen. Außerdem fungiert der Jäger wie ein Störsender bei Smartphones.
Dann sollte er eine alte Rechnung mit unserem Freund Geistwolf offen haben. Ganz konkret, er sollte sich an ihm rächen wollen. (Wenn du jetzt auch so jemand bist wie ich, der gern das Nachwort vor dem Beenden der eigentlichen Geschichte liest, dann höre ich an der Stelle besser auf, mehr über diesen Teil der Figurenentwicklung zu erzählen.)
Ich habe lange überlegt, wie ich ihn nenne. Apache Kid funktionierte für mich als Name nicht. Er weckte bei mir nicht die Assoziationen, die meine Figur erwecken sollte.
Aber ich wollte schon, dass er einen Indianerstamm als Namen hat. Das ist in meinen Augen eine herrliche Anspielung darauf, wie gerade bei uns Deutschen das Indianerbild total verzerrt ist.
In der westdeutschen Popkultur gab es jahrzehntelang nur Apachen. Entweder Winnetou oder die diversen Heftromanwestern, in denen ein »anderes« Bild der Apachen gezeichnet wurde, sodass dann dort ständig auch nur Chato und Geronimo auftauchen. Überhaupt scheint der klassische BRD-Western nur eine einzige Landschaft zu kennen. Arizona, Texas, New Mexiko, also die Gegend, durch die die Postkutsche in Stagecoach von John Ford fährt, und eben … richtig erraten: Apachen!
In der DDR gab es meistens nur Dakota. Sioux gab es deswegen nicht, weil wir zu blöd waren, den Namen korrekt auszusprechen. Es sei denn, wir waren Anhänger britischer New Wave Musik Anfang der 80er Jahre und wunderten uns, dass die Sängerin von Siouxsie and the Banshees so komisch ausgesprochen wurde.
Irgendwann hatte ich den Namen Dakota Harris im Kopf. Es gibt eine amerikanische Schauspielerin, die Dakota Fanning heißt. Dakota Harris heißt allerdings auch eine billige Indiana Jones-Filmkopie.
Dann gibt es die in der DDR sehr erfolgreiche, aber auch wirklich gute Buchreihe, Die Söhne der großen Bärin von Liselotte Welskopf Henrich. Und die Hauptfigur, deren indianischer Name Harka ist, wurde dort von den Weißen Harry genannt.
So richtig gefiel mir das aber auch nicht.
Als ich weiter recherchierte, stieß ich darauf, dass es Cheyenne ebenfalls als Vornamen gibt und im gleichen Zusammenhang – also ursprünglich ein Begriff, der im Englischen aber auch als Vorname fungiert -, fand ich schließlich »Justice«.
Damit hatte ich es dann endlich.
Erst viel später fiel mir dann ein, dass ja auch eine der Hauptfiguren in Sergio Leones Once Upon A Time In The West (Spiel mir das Lied vom Tod) Cheyenne heißt. Was ja auch eine schöne Reminiszenz ist.

Die Geschichte selbst ist natürlich ein waschechter Western.
Ja, sie weist sehr offensichtliche Parallelen zu Assault – Anschlag bei Nacht, jenem legendären Film von John Carpenter, auf, der wiederum eine Hommage an den Western Rio Bravo mit John Wayne ist.
Meine Hexenjagd am Salish-Lake ist also eine Verbeugung vor diesen beiden Werken, ebenso vor allen genretypischen Rachegeschichten und den wenigen Western, die mit etwas stärkeren Frauenfiguren aufwarten.
So zum Beispiel Schneller als der Tod von Sam Raimi mit Sharon Stone, den ich sehr mag.
Die Figur der Auntie Shapland habe ich an einer Figur aus einem der großartigen Durango-Comics des Belgiers Yves Swolfs orientiert, und die Huren und ihre stärkere Bedeutung für die Entwicklung der Geschichte an Clint Eastwoods Erbarmungslos, aber auch an der grandiosen Miniserie Godless, die für mich einer der besten Western der letzten Jahre ist.
Die Szene, in der der Hexenjäger die Leiche im tiefen Schnee von der Postkutsche transportieren lässt, ist meine Ehrenbezeigung vor dem Sergio Corbucci Western Il grande Silenco.
Ich hoffe, ich habe alle Inspirationsquellen aufgezählt, damit mir nicht wieder eine/einer um die Ecke kommt mit: »Das ist doch alles von da und da geklaut.« Wenn jetzt noch Ähnlichkeiten auftauchen, dann sind sie tatsächlich purer Zufall.
So zufällig nämlich, wie ich bis heute nicht eine Folge von Supernatural gesehen habe und es auch nicht will. Obwohl ich durch Leser*innen weiß, dass es verdammt auffällige Parallelen zwischen dieser TV-Serie und meinem Nighthunter gibt.

Juni 2020

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