»Nighthunter – Hinter den Kulissen« Episode 07

Die verschiedenen Stämme

Ich versuche in »Nighthunter« – auch wenn es sich um eine Fantasy-Geschichte handelt – ein eher authentisches Bild der amerikanischen Ureinwohner zu zeichnen.

Mich haben die eindimensionalen Darstellungen der Natives in den verschiedenen Filmen, Büchern und Comics schon immer … nun, sagen wir: Gelangweilt. Die Wilden, die nur rauben, morden und skalpieren, wie in den klassischen US–Western, ermüdeten mich ebenso schnell, wie die edlen Gutmenschen bei Karl May oder in den DDR–Indianerfilmen, wo sie fast schon als angeborene Naturschützer und ewige Unterdrückte des US–Imperialismus dargestellt wurden.

Heute weiß ich, dass mich diese Art von Stigmatisierung, diese Reduzierung einer ganzen Gruppe von Menschen auf eine Eigenschaft, die vielleicht einige von ihnen tatsächlich aufweisen, als Humanist stört.

Denn wir sind einfach alle Menschen und als solche tragen wir alle Eigenschaften in uns. Wir können Arschlöcher und Helden sein. Die Entscheidung treffen wir sogar meist selbst. Angeboren ist es in den seltensten Fällen.

Wie sicherlich jeder mittlerweile weiß, wurde der Begriff »Indianer« als Definition für die amerikanischen Ureinwohner von den weißen Eroberern eingeführt. Die Native verwendeten dieses Wort bewusst für sich erst seit den 60er/70er Jahren des 20. Jahrhunderts, als sich die, zunächst noch militante Widerstandsbewegung »AIM« (American Indian Movement) gründete.

Sie entstand in den US–amerikanischen Großstädten, wo die Natives, dem Schutz ihrer Reservationen beraubt, noch größeren Schwierigkeiten ausgesetzt waren, so dass es notwendig wurde, eine Art Schutztruppe nach Vorbild der »Black Panther« der Schwarzen zu bilden, um Übergriffe und Repressalien zu verhindern.

Der viel entscheidendere Faktor bei der Gründung des AIM war aber, dass die Indianer in den Städten nicht nur ihren Sonderstatus als Reservatsangehörige, sondern vor allem auch den Rückhalt ihres Stammes verloren, sobald sie die Reservation verließen.

Bei meinen Recherchen über die Native fiel mir sehr schnell auf, dass fast alle Stämme, in ihren Eigenbezeichnungen Namen verwenden, die soviel wie »Mensch«, »die einzig wahren Menschen« u. Ä. bedeuten. Alle anderen Stämme hingegen bekommen oft so Namen wie: »Die von den Krähen abstammen« oder schlicht weg »Feind«. (Letzteres ist übrigens die Bedeutung des Wortes »Apache«, das für eine Vielzahl von kleineren Gruppen im heutigen Südwesten der USA verwendet wurde.)

Das ist teilweise noch heute so, wo z.B. die Navajo, die sich ja selbst »Diné« also ebenfalls »Menschen« nennen, die auf ihrer Reservation von der US–Regierung zwangsangesiedelten Hopi, wie fast alle anderen Stämme als »Ana’ii« oder »Anaa’i« (Fremde, Feinde) bezeichnen und immer noch als traditionelle Gegner betrachten.

Wie wir aus unserer eigenen Geschichte wissen, ist genau dieser sprachliche Kniff, eine der Grundlagen dafür, dass auch ein einfacher Mensch, der doch nur sich und seine Familie ernähren will, zum Massenmörder werden kann. Indem wir die »Anderen« als »Untermenschen«, »Nichtmenschen« u. Ä. bezeichnen, fällt es viel leichter, diese zu versklaven, zu massakrieren, ja seltsamerweise sogar zu vergewaltigen, also eine, wenn auch erzwungene, Vereinigung mit ihnen einzugehen. Es ist ja nichts anderes als Tiere zu jagen und zu schlachten.

Genau dieser Tribalismus, also Nationalismus im Sinne von Stammeszugehörigkeit, der so fest im Bild der amerikanischen Ureinwohner verankert war, verhinderte größere, funktionierende Allianzen, wie es z.B. den Nachfahren der schwarzen Sklaven durchaus gelungen ist. Und er machte es natürlich den erobernden Weißen leicht, die verschiedenen Stämme gegeneinander auszuspielen.

Für das von mir angestrebte realistische Bild war es mir eben wichtig, zu zeigen, dass die Navajo schon seit Jahrhunderten, andere Stämme ausraubten und als Sklaven an die Spanier verkauften.

Was die hier dargestellten Chiricahua angeht: Sicherlich durch hunderte von Filmen, weiß fast jeder, dass es sich dabei um eine der bekanntesten Apachengruppen handelte. Wie schon oben erwähnt, gab es die Apachen in diesem Sinne nie. Die verschiedenen Gruppen waren sprachlich und kulturell miteinander verwandt und sie waren oft wirklich sehr klein. Meist waren es reine Familienverbände. Im Gegensatz zu anderen Stämmen. Allerdings scheinen sie, aus welchen Gründen auch immer, tatsächlich schon seit Jahrhunderten extrem kriegerisch zu sein, weshalb ihnen eben von den anderen Stämmen die Bezeichnung »Feind« vergeben wurde.
Bereits zu Zeiten der spanischen Eroberer waren diese Gruppen gefürchtete Krieger. Für die Chiricahua habe ich mich entschieden, da sie historisch gesehen, in genau jenem Gebiet siedelten, in dem meine Geschichte handelt. Alle weiteren Eigenschaften, neben ihren Guerilla-Taktiken im Kampf, also konkret das Verabreichen von Gift an die eigenen Säuglinge, habe ich mir selbstverständlich ausgedacht. Schon vergessen? »Nighthunter« ist eine Fantasy-Reihe. Making Of »Das Lied der Wölfe«

So, nun ist es geschafft. Dieser Band war für mich der Schwerste. Mehr als einmal habe ich gedacht, dass ich ihn doch lieber später schreiben möchte, vielleicht sogar auch gar nicht schreiben möchte.

Ich kann nicht einmal genau sagen, warum. Es war nur so ein Gefühl. Die Geschichte, wie Geistwolf zu dem wurde, der er in der gegenwärtigen Ebene meiner kleinen Reihe ist, hatte ich von Anfang an im Kopf. Pate stand dabei der erste Zyklus der Comicserie »Luuna« von Crisse und Keramidas, erschienen im Splitter-Verlag. Übrigens eine der ersten Comicserien, die mir begegnete, in der eine klassische Fantasystory im Setting »Amerika« und »Natives« erzählt wird.

Doch irgendwie weigerte sich ein Teil von mir immer wieder, die Geschichte auch so zu erzählen. Vielleicht hatte ich das Gefühl, dass die Figur des Skinwalker damit ihren Reiz verliert? Ihr Charisma. Doch ist es nicht meine Aufgabe als Autor, genau das zu umgehen? Geheimnisse zu lüften und Skinny doch weiterhin faszinierend bleiben zu lassen? Es war meine Frau, die mich »drängte« nach der Einführung (Episode 1 – 4) und dem fünften Band, der jetzt so einiges in Bewegung bringt, die Geschichte des Geistwolfs zu erzählen.

Als ich damit begann, diese zu entwickeln, hatte ich aber ständig das Gefühl, sie wäre als Story an sich, viel zu langweilig. Sollte ich sie vielleicht lieber Louis erzählen lassen? Er reist ja jetzt (nach Ende des 5. Bandes) mit Whittmore, das wäre ja eine gute Gelegenheit. Louis und der Skinwalker kennen sich ja schon einige Zeit. Solange wie ich die beiden also zusammen lasse, würde der Leser kaum etwas über ihre Vergangenheit erfahren. Mit diesem neuen »Bündnis« wäre die Chance allerdings gegeben. Nur würde damit eine weitere Geschichte mit dem Fokus auf Louis bleiben, denn auch wenn er Whittmore vielleicht erzählt, wie der Geistwolf zu dem wurde, was er ist, müsste das Ganze in eine Story verpackt werden. Und die würde eben Louis und Whittmore als Protagonisten haben. Meine Frau hatte aber gemeint, dass ich jetzt endlich Skinny einmal in den Vordergrund rücken müsste.

Als treuer Leser weißt du natürlich, dass Louis zunächst einmal gewonnen hat. Ich habe die Chance genutzt, mehr über ihn zu erzählen und daraus entstand dann der 6. Band.

Beinahe sah es dann wirklich so aus, als würde ich die zwei Drittel der geplanten »Geistwolfs Coming of Age Story« irgendwo vergraben, da ich schon wieder andere Ideen hatte. Ich wollte Louis und Whittmore dringend nach Chicago begleiten, ich wollte …

Nun, ich hab es dann doch geschafft.

Ich näherte mich Skinnys zu erzählenden Geschichte zunächst darüber, dass ich ja weiß, wer und was er ist. Also plottete ich zunächst eine Geschichte, die direkt im Anschluss an Episode 5 ansetzte, in deren Verlauf die Leser*innen ihn durch sein Handeln besser kennenlernen. Dass dieses aktuelle Handeln, auf die Erlebnisse zurückzuführen ist, die ihn vor dreihundert Jahren zum Skinwalker gemacht haben, wollte ich als Erinnerungen/Rückblenden einbauen. Was mich daran störte – ACHTUNG SPOILER! Falls du jemand bist, der, wie ich auch gerne, das Nachwort vor dem eigentlichen Buch liest – sein Werdegang läuft ja auch schon auf zwei Zeitebenen. Das Erlangen zweier Totems und die Rache an den Navajo/Spaniern, mit der Auflösung, in der sich der Engel Selaphiel ihm offenbart, zwischen denen ja auch eine Anzahl an Jahren liegt. Und das soll dann in einer dritten Zeitebene erzählt werden? Da sieht doch keiner mehr durch.

Also verwarf ich diese Idee und plottete eine Geschichte, die eben in jener Zeit, also irgendwann um 1600 spielt. Dabei ließ ich mich zunächst stark durch den Film »Pathfinder« (das finnische Original!!!) inspirieren. Zunächst hielt ich mich eng an (den wenigen bekannten Fakten) um die »Coronado-Expedition«. Schau einfach mal bei Wikipedia nach. Das ist schon eine Geschichte, die einen Roman wert ist. Angefangen von dem schwarzen Mauren, der behauptete, die Stadt aus Gold gesehen zu haben und sich bei den Zuni als Magier ausgab, bis sie ihn entlarvten …, bis dahin, dass die Pferde, die Coronado zurückließ, wohl nachweislich die Grundlage für die späteren Mustangherden der Präriestämme bildeten.

Für mich eine schöne Idee, dass in meiner Welt ausgerechnet Geistwolf noch die Pferde der Spanier nach Norden bringt.

Zunächst verwendete ich einfach nur andere Namen und rückte den Zeitpunkt etwas näher an meine Geschichte heran. Die Coronado-Expedition war in unserer Realität knapp 50 Jahre früher. Was für das Verständnis der Figur Coronados wichtig ist, da er ja gerne ein zweiter Cortés sein sollte. In meiner Zeit ist Cortés Eroberung des Aztekenreiches schon viel zu lange her, um als Motivation für einen verzweifelte Suche nach den goldenen Städten zu funktionieren. Außerdem hakte es ständig daran, dass ich nicht so viele historische Details in Erfahrung bringen konnte, wie ich es bei meinem klassischen Wild West-Strang machen kann.
Und eine Expedition, um der Expedition, also dem Entdecken willen, fand ich storytechnisch außerdem noch extrem langweilig.

Zu diesem Zeitpunkt meiner Arbeit las ich gerade die Geschichte um »Prosit Luckner und das Gespenst mit den goldenen Kugeln« aus den »Blueberry – Chroniken« erschienen im Egmond-Ehepa-Verlag. Diese Comics gehören ja einfach zum Know How, wenn man etwas mit Western macht. Aus dieser Story übernahm ich die (mir eigentlich bekannte) Erkenntnis, dass die Suche nach einem Schatz für eine Geschichte weitaus spannender wird, wenn die Motivation derer, die diesen Schatz suchen, bereits sehr unterschiedlich ist und so zu Konflikten führt. Damit warf ich das reine Expeditions-Ding über den Haufen und kreierte ein paar neue Figuren, mit denen ich mich aber zwangsläufig von der Historie entfernte. (Ich glaube kaum, dass es wirklich irgendwelche spanischen Landsknechte in Neu-Spanien gegeben hat, die es gewagt hätten, einen Grafen aus einer Cantina auf die Straße zu werfen, auch wenn dieser strunzbetrunken ist und durchs Kartenspielen hoch verschuldet.)

Orientiert habe ich mich auch ein bisschen an dem Film »Apocalypto«, den ich übrigens nie als historisch korrekten Film über die Maya, sondern immer als eine Art Fantasy-Geschichte gesehen habe.

Eine meiner ständigen Inspirationsquellen ist ja das englischsprachige Tabletopspiel »Wild West Exodus«. Nicht, dass ich es spiele. Dazu fehlt mir das nötige Englisch und Mitspieler. (Interesse hätte ich schon. Ich hab mir mal so ein »Let’s Play Video« auf Youtube angeschaut. Eine Runde geht ja nur so knapp eine Stunde und ich bin ja ein großer Fan von Brett- und Kartenspielen.)
Was mich an »Wild West Exodus« fasziniert sind natürlich vor allem die Miniaturen und hier die der sog. »Warrior Nation«. Also einer Gruppe in diesem Spiel, die sehr stark an den amerikanischen Ureinwohnern und vor allem ihren Mythen orientiert ist. Da gibt es Donnervögel, Skinwalker, Totems, Baumläufer, Schamanen … da gibt es sogar eine Figur, die so dermaßen an der aztekischen Göttin Itzpapalotl angelehnt ist, dass es kein Zufall sein kann.
Und da hatte ich endlich die finale Zündung. Mensch, sagte ich zu mir selbst, warum krampfst du so rum? Du schreibst eine Fantasy-Geschichte. Was gräbst du ständig in historischen Fakten? Du sagst doch selbst, dass das fragile Gleichgewicht zwischen Indianern und Weißen dadurch aufrecht erhalten wird, dass die Natives Magie beherrschen?
Muss dies dann vor dreihundert Jahren nicht noch stärker gewesen sein? Die Spanier waren ja technisch bei weitem nicht so hoch entwickelt, wie später z.B. die Nordstaaten während des amerikanischen Bürgerkriegs. Befinden sie sich nicht in einem Land, das wie in jedem klassischen Fantasy-Videospiel eigentlich komplett schwarz ist? Jeder Schritt, den man macht, bringt einem zwar Licht ins Dunkel, man kann wieder etwas mehr von der Welt erkennen, aber man weiß vorher nicht, was da so an Monstern und Kreaturen herumläuft.

Ja. Das war es dann. Dass ein junger Mann aus einem Stamm zu einem Magier wird, ist damals wirklich kein großes Ding gewesen. Warum er zu einem so mächtigen Wesen geworden ist, wie er es heute (also Ende des 19. Jahrhunderts) ist, das wissen wir jetzt.
Ich denke, ich hab die Kurve ganz gut bekommen, dass trotzdem genug Rätsel um seine Person bleiben, um den guten alten Skinny weiterhin faszinierend zu finden.

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