»Nighthunter – Hinter den Kulissen« Episode 06

Mein besonderer Dank gilt diesmal Michael Schenk (http://www.michael-h-schenk.de/), der mir als historischer Berater zur Seite stand.

Ich versuche ja, obwohl meine Geschichte in einem »Fantasy-Setting« angesiedelt ist, auf eine gewisse historische Authentizität zu achten.
Warum?

Zunächst einmal bin ich faul!
Ich habe keine Lust, mehrere Jahre am Entwurf einer komplexen und in sich schlüssigen Fantasywelt zu arbeiten. Ich wollte einfach drauf losschreiben, da ich die »Nighthunter«– ich weiß, viele Autoren behaupten das – in erster Linie geschrieben habe, da ich selbst so etwas lesen wollte und im deutschsprachigen Raum nicht fand.
Also habe ich auf ein Szenario zurückgegriffen, über das ich ziemlich leicht an Informationen komme.
Für Band 6 brauchte ich konkret etwas mehr Wissen über die US-Kavallerie. Einige Infos hatte ich schon aus den Nachworten zu dem Comic-Dreiteiler »Apache Junction«. Der Autor, Peter Nuyten, hat für seine Geschichte wirklich sehr gut recherchiert.
Was mir in erster Linie fehlte, war aber die Bewaffnung einer Kavallerie-Einheit zu der Zeit (1882, in dem Jahr, in dem meine Geschichte spielt, unterschied sie sich beispielsweise ganz fundamental von der Zeit des Bürgerkrieges!) und auch die Taktik im Kampfeinsatz.
Einfach, weil ich keine Heldentruppe wollte, die mit Hornsignal, wehenden Fahnen und wildem Geballer zum Showdown auftaucht und die Rothäute in die Flucht schlägt. (Etwas, das z. B. bei den »Blueberry«-Comics andauernd passiert, und die gelten in ihren Erzählungen noch als indianerfreundlich.)
Also hieß es auch für mich wieder einmal recherchieren. Neben diversen Fachbüchern stieß ich auf die E-Book-Reihe »Pferdesoldaten« von Michael Schenk. Sie schienen mir historisch sehr fundiert zu sein, und ich hätte sie sogar gekauft und gelesen, um an die benötigten Infos zu kommen. Nur endete die Geschichte in der Reihe knapp 15 Jahre vor der Zeit, in der meine eigene Story spielt.
Pech für Michael, weil er so einen Käufer weniger hat. Glück für mich, da ich Michael anschrieb und er sehr schnell antwortete und mich mit allen wichtigen Informationen bis ins kleinste Detail versorgte. Genau die Infos, die ich brauchte, um eine schlüssige Geschichte zu erzählen.
Es ist viel einfacher, etwas spannend darzustellen, wenn man weiß, mit welchen Problemen die Leute damals zu kämpfen hatten. Ja, all die Sachen, die euch jetzt vielleicht komisch vorkommen, billige und vor allem wenige Munition, schlechte Karabiner, stumpfe Säbel, sind historisch belegt, und sie machten es mir leicht, eine menschliche Truppe aufzustellen, mit der man mitfiebern kann.
Das ist nämlich der zweite Grund, warum ich so großen Wert auf historische Korrektheit lege.
Ich habe das auch gegenüber Michael mit Peter Jacksons grandioser »Herr der Ringe«-Verfilmung verglichen. Dadurch, dass seine Figuren z. B. alle dreckige Fingernägel haben und nach mehreren Tagen in der Wildnis und Kämpfen mit Orks auch wirklich so aussehen, als ob sie genau das hinter sich haben, wirken die fantastischen Elemente viel besser.
Es sieht genial aus, wenn sich alle bis zur Brust durch den Schnee über den Pass kämpfen und nur der Elf leichtfüßig auf der Oberfläche entlang schlendert. Auch der in die »falsche« Richtung wehende Umhang von Rohans König ist für mich in eben jenem Moment mehr ein Bild für seine majestätische Erscheinung denn ein »Fehler«.
Und so finde ich es spannender, dass eine historische Figur wie Wild Bill Hickok als Revolverheld gilt, obwohl er nachweislich gerade einmal sieben Leute erschossen hat. Sieben! In jedem Western ballern die Typen 90 Minuten lang um sich und erschießen mindestens 100 Leute.
Was wäre in einem derartigen Setting eine Figur wie Louis Royaume?
Korrekt. Nichts! Er wäre einer von vielen! Kein Held. Kein Revolvermann.
Er wird doch dadurch erhöht, dass er etwas kann, was allen anderen verwehrt bleibt. Eben, weil sie schlechte Munition haben, weil sie eh gar nicht schießen können oder auch gar nicht wollen. Denn wer ging damals zur Armee? Coole Jungs, die nur darauf aus waren, haufenweise Rothäute abzuknallen?
Eher nicht. Denn die Desertationsrate bei der US-Kavallerie war damals sehr hoch.
Es gibt noch andere Kniffe, die man anwenden könnte, um derartige Geschichten zu erzählen. Lansdale hat z. B. einen wirklich coolen, sehr vergnüglichen Western namens »Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick« geschrieben. Man nimmt ihm jedes Detail ab, das ganze Werk wirkt wirklich sehr fundiert und echt. Selbst wenn man sich fragt, warum man von der Hauptfigur noch nie etwas gehört hat, kommt man mit etwas Recherche sehr schnell drauf.
Sie ist schwarz.
Heutzutage weiß man, dass nach dem Ende des Bürgerkrieges sehr viele Schwarze im Wilden Westen unterwegs waren. Gerade als Cowboys. Wir wissen aber auch, dass sie in allen Romanen und Filmen bisher weitestgehend verschwiegen wurden. Warum dann nicht auch Deadwood Dick, der sogar bei der Ermordung von Wild Bill Hickok dabei war?
Robert McCammon erläutert in seinem Nachwort zum 3. Band seiner »Matthew Corbett«-Reihe eine weitere Möglichkeit. Er hat bestimmte historische Details um knapp 30 Jahre vorverlegt, damit sie besser zu seiner Geschichte passen. Nur kann man bei der Variante natürlich Pech haben, dass irgendein Klugscheißer um die Ecke kommt, der einen darüber belehrt, dass in einem Fantasyroman, der in einem mittelalterlichen Setting spielt, in einer Dorfkneipe die einfachen Leute nicht rauchen können. Da der Tabak ja erst mit der Entdeckung Amerikas nach Europa kam. Hmm. Nach Europa ja aber nach Mittelerde auch erst nach 1492?
Ihr versteht, worauf ich hinaus will?
Ich freue mich jetzt schon auf den Ersten, der sich bei mir über eine falsch angebrachte Indianerfeder beschwert, aber die Existenz von Engeln, Dämonen, Magiern, Zombies, Skinwalkern, Donnervögeln usw. als selbstverständlich gegeben hinnimmt.
Bis dahin werde ich weiter auf historische (für mich spannende) Details achten und bin froh, dass es so tolle Kollegen wie Michael Schenk gibt.

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