Klugscheißerei oder historisch korrekte Authentizität? Western lesen, Western schreiben.

Nach vielen Western, besonders von deutschen Autoren, der letzten 30 – 40 Jahre, die ich gelesen habe, ist mir eines besonders aufgefallen.

Wir stellen uns folgende Szene vor:

Der Protagonist zieht den Revolver soundso (jetzt folgt eine genaue Bezeichnung der Waffe. Also, Hersteller, Marke, Modell, Kaliber usw. Diese Bezeichnung besteht meist aus mehreren Worten und oft auch aus Zahlen.) Sein Gegner, trägt natürlich auch irgendeine Art von Schießeisen bei sich, dass er jetzt ebenfalls, vielleicht sogar schneller, zieht und das jetzt auch noch einmal ganz genau benannt wird. Also, Hersteller, Marke, Modell, Kaliber usw.

Und spätestens an der Stelle steige ich als Leser aus. Weil der Erzählfluss unterbrochen ist. Das Duell wird durch diese Aufzählung von technischen Details langweilig. Es erhält im besten Fall noch die Art von »Spannung« (mit Absicht in Anführungsstrichen gesetzt), die früher diese Quartett-Kartenspiele hatten. Wenn wir als Jungs Lokomotiven, Autos oder Flugzeuge wahllos aus unseren Handkarten zogen, mit einander verglichen und wer den Längsten hatte … Ok. Letzteres kam später, aber ihr versteht sicherlich, worauf ich hinaus will. Das oben begonnene Duell wird also durch dieses Benennen von technischen Details entweder langweilig oder sogar lächerlich.

Ich streite nicht ab, dass es aus narrativen (ich bin ein Klugscheißer, darum liebe ich das Wort, es bedeutet an dieser Stelle einfach nur »erzählerischen«) Gründen Sinn machen kann, einen Schusswaffentyp etwas genauer zu benennen. Ein Karabiner muss nach einem Schuss nachgeladen werden, ein Repetiergewehr hat meist 14 bis 17 Schuss. Im Kampf kann das durchaus einen entscheidenden Unterschied machen. Ebenso bei Revolvern, die mal 5, mal 6, manche sogar 7 Patronen hatten. Für die Erzählung, wenn unser Held irgendwo in der Prärie unterwegs ist, weit und breit kein Laden in Sicht, da kann es auch noch wichtig sein, dass sein Revolver und sein Repetiergewehr die gleiche Munition verwenden. Dass man das letzt genannte Gewehr auf Grund der historischen Entwicklung und Vormachtstellung seines Erfinders eigentlich nur »Winchester« nennt, ist auch ok. Ob es sich aber bei dem o.g. Karabiner um einen »Sharps«, bei dem Revolver um einen »Single Action« oder »Smith & Wesson«, »Colt Walker« oder »Modell Schlagmichtot« handelt, ist doch aber eigentlich echt egal.

Mir kommt es vor allem dann, wenn diese Bezeichnung inflationär bei jeder Beschreibung des Protagonisten, also nicht nur, wenn er die Waffe im Kampf benutzt, was ja einen narrativen Grund hätte (Hach, ich liebe es!), sondern auch wenn er an die Bar geht, den General Store betritt, sein Pferd besteigt, den Gürtel vor dem Bad ablegt …. gähn … also wenn das so oft benutzt wird – was gerade deutsche Westernautoren übrigens sehr, sehr gern tun – dann kommt es mir eigentlich nur noch wie Klugscheißerei vor. So nach dem Motto:

»Hey, ich kenn mich im historischen Wilden Westen so was von dermaßen gut aus und schreibe deshalb so total authentische Romane, dass ich eigentlich der absolute Experte für Western bin und wenn du, dummer Leser, das nicht verstehst, dann hast du einfach keine Ahnung von Western …«.

Ich möchte dann am liebsten immer zurückrufen: »Ja, das ist ganz toll, dass du so ein so historisch belesener dicker Hecht im Teich der Western-Autoren bist, aber weißt du was? Es gibt bestimmt ganz tolle Sachbücher über alle Waffen, die jemals im Wilden Westen verwendet wurden, mit Bildern und allem drum und dran. Wenn es mich interessiert, dann hole ich mir die. Wenn ich einen Western lese, will ich mich aber unterhalten und nicht belehren lassen.«

Ich habe das anfänglich übrigens auch gemacht. Gebe ich zu. Bei Louis und seinen silbernen, mit Intarsien verzierten Revolvern, deren Läufe selbstverständlich noch länger sind, als die aller anderen (siehe Männer-Quartett-Kartenspiele oben).

Damit aufgehört habe ich, als ich meine Frau beim Haartrocknen beobachtete und …

Seitdem kommt mir ein Satz, wie »zog seinen Remington« immer total albern vor.