Sage mir, was du liest: „Götterschlacht“ von Torsten Scheib

Klappentext:

»Es hat begonnen.
Harmlos brach es herein. Keiner nahm die Zeichen am Himmel ernst. Man lachte, man zelebrierte, man staunte – und verspottete die mahnenden Stimmen.
Ohne Vorwarnung.
Erst stürzte der Himmel ein, dann löschte ihn die Eiszeit. Begrub die Erinnerungen dieser Welt unter sich, labte sich an warmen Körpern; am Gaumenkitzel nackter Angst. Wer dennoch überlebte, wurde gejagt. Von den pelzigen und geflügten Kreaturen, den flammenden und frostigen Geschöpfen. Den Streitarmeen Hels, der Fürstin der Unterwelt.
Erst kam die Dämmerung.
Unvermittelt fand sich eine Handvoll unbescholtener Menschen zwischen den Armeen der Unterwelt und des Asgards wieder; wurde zu Spielbällen in der womöglich alles entscheidenden Schlacht.
Dann – die Götterschlacht …
Wer wird obsiegen? Die diabolische Herrscherin über Firn und Finsternis? Oder doch die ehrbaren Asen?
Wer wird überleben? Menschen – oder …?
Ragnarök.
Das Ende ist angebrochen.«

Innovatives Endzeitszenario mit erzählerischen Schwächen


Meine Vorliebe für Geschichten, die im heimatlichen Rahmen angesiedelt
sind, ist ja bekannt. Umso mehr freute ich mich auf »Götterschlacht«,
eine Endzeitgeschichte, die schon auf dem Cover (Skyline von Frankfurt
a.  M.) den Ort bekannt gab. Darüber hinaus noch, die Verwendung
europäischer Mythen als Background für die Apokalypse.
Das ist doch genau meins.

Torsten
Scheib hält sich auch nicht allzu lange auf. Ebenso wie die
Protagonisten wirft er den Leser innerhalb kürzester Zeit in ein
Untergangsszenario, bei dem schnell klar wird: Hier wird wohl kaum
jemand überleben können.
Midgardschlangen, deren Feueratem wie die
Säure des Alien scheint. Eisriesen und Berserker, die alles kurz und
klein schlagen. Fenriswölfe, riesige Wildschweine, die selbst Panzer
nicht aufhalten. Dazu noch Eis- und Schneestürme. Das Ende der Erde hat
definitiv begonnen.

So dauert es auch bis fast zur Hälfte der
Story, eh unsere kleine Menschengruppe, einen schwachen
Hoffnungsschimmer erhält, als sie von den Asen in ihrem Raumschiff
gerettet werden.

Raumschiff?
Ja. Natürlich ist
»Götterschlacht« auch Urban-Fantasy. Es macht Sinn, die Asen, ihren
Background (Asgard etc.) mit technischen Errungenschaften auszustatten,
die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.
Warum? Weil es
erstens albern wäre, dass die Götter, seit über tausend Jahren immer
noch mit Schwertern und Felllendenschurzen rumrennen. Die zweite
Begründung liefert SF-Autor Arthur C. Clarke, der in »Götterschlacht«
zitiert wird.

Und dennoch konnte mich das Buch nicht voll überzeugen.

Nach
der temporären Rettung finden sich unsere menschlichen Protagonisten
sehr schnell wieder auf der Erde inmitten des winterlichen Unwetters und
den Truppen der Unterweltgöttin Hell und ringen wieder nur noch ums
nackte Überleben.
Ab da machte sich Langeweile bei mir breit und ich
ertappte mich mehr als einmal dabei, dass ich die (handwerklich
eigentlich sehr gut geschriebenen) Kämpfe und Bestrebungen der Figuren
voran zu kommen, nur noch quer las.

Warum?

Weil mich die Protagonisten kalt ließen. Es war mir schlicht egal, ob sie überleben oder nicht.

Da
ich kein Buch aus Spaß verreiße, versuche ich auch hier meine Kritik
konstruktiv zu begründen. Dies wird zwangsläufig SPOILER enthalten.

Der
Autor gibt seinen Figuren keinen Raum, sich dem Leser zu präsentieren.
Er wechselt sehr oft innerhalb kürzester Abschnitte, ohne
Absatztrennungen, die Perspektiven, weshalb die Vier: Robin, Hans, Timo
und Tina, austauschbar bleiben. Der Leser nimmt sie nur als Gruppe wahr.
Darüber hinaus sind sie passiv. Sie reagieren nur und werden nicht aktiv.
Erst
werden sie von dem (herrlich humorvoll beschriebenen) norddeutschen
Trucker gerettet, später von den Asen, am Ende von den Nibelungen.
Was
ist ihre Motivation, sich dem Kampf ums nackte Überleben zu stellen, wo
bis zum Schluss der Geschichte klar ist, dass die Menschen dem ganzen
überhaupt nichts entgegenzusetzen haben? (Allein die Nibelungen scheinen
halbwegs in der Lage zu sein, Hels Truppen Paroli zu bieten.)

Auch
wirkt die Story durch diese Blässe der Charaktere in sich nicht
plausibel. Es wird behauptet, dass die Menschen, gerade die Vier, dass
Einzige sind, wovor Hel sich fürchtet, weshalb die Asen und Nibelungen
sie retten.
Klar wird aber weder dem Leser, noch den Figuren, warum?
Timo, Robin, Hans und Tina haben keinerlei Waffen, keine Eigenschaften
(z.B. Zusammenhalt oder Empathie) die sie dafür qualifizieren würden,
der Unterweltgöttin gefährlich zu werden.
Dies wiederum verhindert, dass sie aktiv werden und selbst eine Entwicklung durchmachen.
In
der Theorie des Roman-Plottens würde man sagen, es fehlt der Ruf. Somit
fehlt auch die temporäre Verweigerung und spätere Annahme desselben, um
die sog. »Heldenreise« anzutreten. Das sind allerdings wichtige Mittel,
um eine Geschichte voranzutreiben und spannend zu erzählen. Bestes
Beispiel: Frodo in »Herr der Ringe«.
Sie bleiben bis zum Schluss
bloßes Beiwerk, Spielzeug in der Schlacht der Götter. Oder ist es,
einfach nur ihre Fähigkeit sich zu vermehren? Tinas Schwangerschaft
deutet so etwas an … doch … NEIN! Bitte nicht, Herr Scheib. Das
können Sie nicht meinen.

Dabei scheitert es nicht daran, dass es Torsten Scheib nicht kann.

Der
Ase Kjartan war mir in seinen wenigen Szenen, die er bekam, emotional
weitaus näher. Ich verstand seine Motivation, für ihn gibt es einen Ruf,
den er zunächst auch ersteinmal verweigert und dann doch annimmt. Er
ist vom Autor aber eindeutig nicht als Protagonist angelegt.  Übrigens
fehlt somit auch der Antagonist und was ist ein Plot denn ohne diesen?
All die Monster und mythischen Wesen, die von der Göttin Hel aufgefahren
werden, reichen nicht. (Auch hier kann man von Tolkien sehr gut lernen.
Ich sage nur »Sauron«!)

Torsten Scheib hat leider eine Menge
Potential verschenkt, eine emotional bindende, konfliktreiche und
spannende Story zu erzählen.

Der einmalige Auftritt einer Figur
namens Kokoschka gegen Ende war für mich extrem ärgerlich, da er nichts,
aber auch nichts zum Plot beiträgt.
Er bringt keine Erkenntnis, er ist kein Twist, er stößt keine Figur in irgendeine Richtung.
Was soll das?
 Im
Nachwort erfährt man, dass es noch eine Shortstory gibt, wo er eine
Rolle spielt. Dies mag in einer, von vornherein als Serie oder Reihe
proklamierten Geschichte funktionieren, in einem in sich geschlossenen
Roman ist es für mich unsinniges Beiwerk, das gestrichen gehört.

Darüber
hinaus störte mich die übermäßige Verwendung von bildungssprachlichen
Begriffen und Fremdwörtern. Auch wenn Erstere inhaltlich durchaus
korrekt sind, so klingen sie nicht und unterbrechen damit den Lesefluss:

»… und das alles, ohne in Robin Gefühle von Vertigo oder immenser Übelkeit hervorzurufen«

»Sie hatten Fortune, Timo weniger.«

Manchmal waren sie auch irgendwie unsinnig.

»Vom eigenen Momentum, dem Schwung, der Wucht getragen …« (Momentum lt. Duden: Augenblick, Zeitpunkt)

Auch
dies hätte der Autor nicht nötig, da sein Schreibstil an sich keine
Wünsche offenlässt. Er kann (be)schreiben und formulieren.

Zum
Schluss muss ich leider auch das (im Impressum genannte) Lektorat
kritisieren. Fehler, die ein Autor auf Grund seiner »Betriebsblindheit«
verständlicherweise nicht sieht, wurden auch vom Lektor drin gelassen.
Pronomen (er, sie, sein, sich etc.) sind im Satzbau zu oft an der falschen Stelle, was die Sätze ebenfalls holprig werden lässt.

Schade.
Somit gibt es »nur« durchwachsene 3 Sterne für die guten Ansätze, das
Setting, die handwerkliche gute Schreibe, aber eben Abzug für die
Schwächen im Storytelling.

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