„HOWARD PHILLIPS LOVECRAFT – Chroniken des Grauens“

„Man kann Lovecraft eigentlich nur verbessern.“

Ab und zu hab ich ja mal Lust auf »Hörspiele« … Moment. Ich glaube, ich muss vielleicht erstmal kurz ein paar Dinge klarstellen:

Hörbuch = Irgendjemand liest (mehr oder weniger) ausdrucksstark ein Buch vor, ein anderer nimmt das auf und dann wird das als Download, Streaming oder auf Tonträger z.B. CD, veröffentlicht.

Inszenierte Lesung = Mehrere Leute lesen einen Text in verteilten Rollen, manchmal gibt es noch Musik und/oder ein paar Geräusche dazu. Das kann man live auf der Bühne machen und oft wird das dann auch von irgendjemanden aufgenommen und … siehe oben.

Hörspiel = Im besten Falle eine Geschichte, die extra dafür geschrieben wurde, möglichst mit wenig, besser mit gar keinem Erzähler auskommt und sich bei der Geschichte der Mittel des Mediums bedient. Sprich: Die Geschichte wird hauptsächlich über Dialoge und Atmosphäre (wozu dann Geräusche und Musik gehören) erzählt.

Das ist keine strenge literarische Klassifizierung, die ich hier vornehme, sondern meine persönliche Meinung, nach der ich u.a. solche Werke für mich auswähle und bewerte. Denn »Hörbücher« finde ich strunzenlangweilig, dabei schlafe ich meist ein, bzw. bekomme irgendwie immer nie mehr als ein Viertel von dem, was da gesagt wird, mit.

»Inszenierte Lesungen« sind für mich verschenktes Potential und kommen damit schnell (so nach ca. 30 min) einem Hörbuch gleich, mit derselben Wirkung auf mich. Siehe oben.

 

Jetzt komme ich zur eigentlichen Rezension. Denn wie oben erwähnt: Ab und zu hab ich mal Lust auf Hörspiele. Und da stieß ich auf die Serie »Chroniken des Grauens« von der bisher vier Teile/Episoden oder wie es auf dem Cover heißt: »Akten« erschienen sind und somit die erste Staffel vollendet wurde.

Wie kam ich eigentlich dazu? Weil ich ja gerade etwas für den BLITZ-Verlag gemacht habe, die meisten Cover des Verlages gut finde, darum nach dem Artworker Mark Freier recherchierte (der einige BLITZ Cover gemacht hat), so auf das Cover für die o.g. Hörspielserie stieß, die bei Winterzeit-Audiobooks erschienen ist, die wohl auch das eine oder andere Hörbuch für BLITZ gemacht haben und wie das Booklet verrät, stammt die Ursprungsidee/Initialzündung für die »Chroniken des Grauens« auch von Jörg Kaegelmann, seines Zeichens Verleger bei BLITZ. (Da gibt es ja auch die Reihe »H.P. Lovecraft – Schriften des Grauens«.)

Worum gehts bei dem Hörspiel?

Hier möchte ich gar nicht so sehr auf die Handlung eingehen, sondern eher auf das, was der Autor und Regisseur Markus Winter auch selbst im Booklet schreibt. Verschiedene Geschichten von Lovecraft wurden mit einer Rahmenhandlung versehen, um sie zu einem Großen Ganzen zu verbinden und außerdem teilweise noch für das Medium umgeschrieben. So hat Markus Winter eben oft Figuren dazu »erfunden«, damit er Dialoge kreieren konnte. Und das war das, was mich so neugierig machte, dass ich alle 4 CDs einfach mal gleich gekauft habe.

Denn im Grunde habe ich so meine Probleme mit Lovecraft und finde, man kann ihn eigentlich nur verbessern. Oh jeh, die Puristen und Hardcover-Fans hab ich damit jetzt vergrault. Sei’s drum. Wenn ihr dennoch dran bleibt, dann will ich das kurz erklären.

Unbestritten ist der Einfluss von Lovecraft auf die gesamte Popkultur, speziell Fantasy- und Horrorliteratur sehr groß. Natürlich ist der Cthulhu-Mythos dermaßen inspirierend und er hat ja bereits zu Lebzeiten, dazu aufgefordert, sich an seinem Werk zu bedienen. Natürlich sind seine Geschichten düster, verstörend, gruselig. Sind alle seine Schöpfungen einzigartig und regen die Phantasie des Lesers an. Aber – und da habe ich mein größtes Problem mit – Lovecraft ist kein Geschichtenerzähler.

Er kann einfach nicht plotten. Es gibt kaum eine Geschichte von ihm, die ich in der Originalform (nicht Sprache!) wirklich zu Ende gelesen habe. Seine Art, diese immer als Bericht, als Brief oder etwas in der Art zu erzählen, hat für die Stimmung natürlich ihren Reiz. Und es ist auch ein geschickter Schachzug, dies gerade bei seinen Kreationen zu tun, da es sich ausnahmslos um »unbeschreibliche und unbegreifliche Schrecken« handelt, um »Wesen«, die eigentlich nicht besiegt werden können usw.

Aber als Geschichten, so wie Lovecraft sie selbst aufgeschrieben hat, finde ich die Dinger langweilig. Anstrengend. Und etwas nur wegen der genialen Atmosphäre gut zu finden, dazu bin ich selbst viel zu sehr ein großer Freund von gut erzählten Geschichten und die haben meist den klassischen 3 Akt – Plot als Grundlage.

Hieraus resultiert der o.g. provokante Satz.

Und genau das ist Markus Winter mit seiner Hörspielserie gelungen. Er packt die Originalstoryes in eine plausible und sehr spannende Rahmenhandlung, was über alle Episoden hinweg einfach eine gut erzählte Geschichte ergibt. Stop. Nein.

Eine gut gespielte Geschichte! Denn »Die Chroniken des Grauens« sind Hörspiel, wie ich es liebe. Es gibt nur ganz wenig Erzähler, alles läuft über Dialoge und Geräusche ab. Ja, dadurch muss man sich auch ein bisschen konzentrieren, denn ich glaube kaum, dass man so ein Hörspiel z.B. beim Autofahren hören sollten. Nicht nur, weil man auf Grund der Zeitsprünge in der Geschichte sonst vielleicht den Zusammenhang verpassen könnte, sondern auch, weil die Gruselatmosphäre super umgesetzt wurde und man sonst gerne mal das Lenkrad verreißen könnte.

Ich selbst höre »Hörspiele« ja gerne in einem dunklen oder nur wenig beleuchteten Raum über Anlage oder sogar über Kopfhörer, die »Noise Canceling« können. Ein Glas Rotwein noch dazu und die Sache ist perfekt.

Und unter diesen Gesichtspunkten ist »Howard Phillips Lovecraft – Chroniken des Grauens« ein absoluter Geniestreich. So muss Hörspiel. Ja, so muss eigentlich Lovecraft. Denn die bildnerischen Umsetzungen seiner Kreaturen, ob nun Comic oder Film, treffen bei weitem den Ton nicht so gut wie das Geräusch, mit dem sich unbeschreibliche schleimige Tentakelmonster in die Hörgänge bohren. Besser als die Originalgeschichten!

Also Leute, tut mir den Gefallen, kauft die CDs, bei Winterzeit-Audiobooks, denn die sind wirklich günstig, die Hörspiele sind einfach nur genial, die Cover ebenso und die Infos im Booklet lohnten sich auch. Und wenn ihr das alle tut, dann gibts hoffentlich auch eine zweite, eine dritte, eine vierte Staffel. Lovecrafts Euvre ist ja recht groß und ich will, dass Markus Winter alles von ihm zu Hörspielen macht! (Markus, wenn Du das jetzt liest und für die Hörspielproduktion doch nicht genug Geld zusammen kommt, dann biete ich mich schon mal an, Deine Hörspielskripte mit Dir zusammen zu Ebooks umzuschreiben! Denn diese Ideen von Dir, die dürfen nicht verschwinden.)