Ein frischer Wind fegt durch den deutschen Western

Ich mag Western.

Leider gibt es viel zu wenig gute deutsche Western in Buchform. Mein Englisch ist zu rudimentär, um wirklich Spaß beim Lesen der Originale zu haben, und wenn ich nicht auf die Highlights im Bereich des Comics zurückgreifen könnte, dann wäre meine Liebe zum gelesenen Western kaum zu befriedigen.

Alex Mann ist (vermute ich) ein relativ junger Autor, bzw. ein „Neuling“ auf dem Markt der deutschen Western. Damit ist nicht sein (mir unbekanntes) biologisches Alter gemeint, sondern die simple Tatsache, dass Alex Mann nicht einer von denen ist, der vor Ewigkeiten Western am Fließband für diverse Heftromanverlage schrieb und genau den Stil, der damals gut, richtig und gewollt war, versucht in die heutige Zeit zu transportieren.

Denn genau darum gefallen mir die „alten“ deutschen Western fast nie. Damals hat man anders erzählt. Ein gewisser belehrender Ton herrscht in den meisten vor. Es wirkt, wie der krampfhafte Versuch eine Moral rüberzubringen, einen „Bildungsanspruch“ zu transportieren. Vermutlich war dies damals ein Versuch, um das Image des Heftromans aufzupolieren. Wo heute ganze Scharen von Autoren stolz verkünden, dass sie „Pulp“ schreiben, musste man sich damals in der BRD wohl immer gegen die sog. „richtige“ Literatur behaupten. Leider geht so etwas zu Lasten der Geschichte. Die Figurenzeichnung war/ist (wahrscheinlich auf Grund der Zeichenbeschränkung und der knappen Deadlines) neutral ausgedrückt: meist flach. „Show don’t tell“ schien damals noch keine Schreibregel gewesen zu sein. (Möglicherweise aus den gleichen Gründen, denn „tell“ statt „show“ ist im Schreiben immer knapper und kürzer.) Vor allem, nehmen sich die meisten „alten“ Autoren nach meinem Empfinden, in dem was sie damals taten und teilweise heute noch tun, viel zu ernst. Als Leser stößt mich das ab. Und die handwerklich durchschnittliche Art Geschichten zu erzählen und Figuren (nicht) zu zeichnen, langweilt mich.

Dabei geht es gar nicht darum das Rad neu zu erfinden. Wozu?

Ich bin ein großer Anhänger der Theorie, dass es nie darum geht, neue Geschichten zu erzählen, sondern die altbekannten neu zu erzählen.

Heute erzählt man einfach anders. Das TV mit seinen zahlreichen (sehr guten) Serien und den ihnen zugrunde liegenden grandiosen Skripten, hat eine andere Erwartungshaltung (auch bei mir als Leser) erzeugt.

Alex Mann erfüllt diese. Denn natürlich sind seine Western auch nicht neu oder innovativ. (Letzteres sogar zum Glück, denn diese Versuche scheiterten meiner Meinung nach auch alle.) Der Western als Genre ist ein Sujet voller Klischees und Wiederholungen. Aber man kann aus ihm immer noch jede Menge frisches Potential herausholen. So wie der Märchenerzähler im Kindergarten auch die xte Fassung von „Rotkäppchen“ immer noch so erzählt, dass die Kleinen mit großen Augen und offenen Mündern da sitzen. Lt. Alex Mann hat der Biograph von Sergio Leone mal gesagt, dass Western im Grunde Märchen für Erwachsene sind. Und ja verdammt, so sollten sie auch erzählt und präsentiert werden. Sch … auf verkrampft historisch genau. Einen Mittelfinger in Richtung „aufbauende, erzieherische Mission“ und eine „gesunde und männliche Haltung“ aufzeigen. (Zitat von G. F. Unger.)

Alex Mann kann das. Er schafft dreidimensionale Charaktere. Seine Geschichten leben vom Spannungsfeld zwischen äußeren und inneren Konflikten. (auch so eine Schreibregel, die in allen Heftroman-Western, die ich gelesen habe, kaum bekannt ist oder jedenfalls nicht angewandt wird.)

Jake Gutterson – der Protagonist, einer mit diesem Band startenden Unterserie in der „Western Legenden“ Reihe des Blitz-Verlages, ist so einer. Ja. Er ist der schnelle Superschütze. Aber er hat eigentlich keine Lust darauf. Er will Konflikte nicht mit dem Revolver lösen. In einem Western? Wie cool ist das denn?

So kreiert Alex Mann ein Spannungsfeld zwischen den bekannten Klischeesituationen des Westerns: den ständig pöbelnden Großschnauzen und einem Jake Gutterson (allein der Name ist genial gewählt. Guter Sohn, wenn man ihn skandinavisch interpretiert, Gutter = Rinnstein, Gutterheart, im englischen ein Begriff für einen Streuner), der zwar Lucky Luke mässig schneller als sein eigener Schatten zieht, es aber nicht tut. Nicht tun will. Daraus allein ergeben sich unzählige, dramatische, komische, ja auch tragische Konflikte.

Und das erzählt Alex Mann auch noch so verdammt cool. „Show don’t tell“ schüttelt er ganz lässig aus dem Ärmel. Hier gibt es keinen belehrenden Ton, keinen außenstehenden Erzähler, der einem mit seinem Klugesch … auf die E… geht. Hier folgt Handlung auf Handlung. Bäng, Bäng, Bäng. So muss Western erzählt werden. Allein das erste Kapitel, das als Exposition dient und Jake Gutterson einführt, ist ein Musterbeispiel für „Show don’t tell“, das man in jedem Schreibratgeber zitieren könnte.

Die besondere Stärke von Alex Mann, sind aber vor allem die Dialoge. Hier kommt der Fan des Italo-Western durch. So schafft er die (in meinen Augen) unerlässliche Ironie, um die Spannung aufzulockern und das Genre (und eben sich selbst als Autor) nicht zu ernst zu nehmen.

Danke Alex Mann, für einfach nur spannend erzählten Western mit einem sperrigen Protagonisten, coolen Dialogen und flotten Handlungen. Und danke an den Blitz-Verlag, dass der Autor endlich bei euch gelandet ist. Nachdem er bisher bei Unternehmen, die vor allem durch handwerklich grottige (nicht zum Inhalt passende) Cover und himmelschreiende Fehlerquoten im Text, auffallen, verlegt wurde, hat er hier endlich den Rahmen gefunden, der (s)einen (deutschen) Western gebührt. Ich werde Jake Gutterson … äh … Alex Mann auf jeden Fall im Auge behalten.