… oder: Warum Steampunk mehr sein sollte, als sich eine Fliegerbrille über ’nen
alten Zylinder zu stülpen und ’ne verrostete Taschenuhr zu tragen.

Klappentext Band 1: Mein Name ist Jacob Burn. Ich war an Bord eines Zeppelins, als er vom Himmel fiel. Ich stürzte mit den Flammen und zerschmetterten Getrieben in den dunklen Fluss hinab und überlebte. Der Himmel mag mich wohl nicht besonders. Aber noch weniger mögen mich die Leute, die mich jagen. Sie sind hinter dem Artefakt her, das mir ein alter Bekannter vor dem Zeppelinabsturz in die Hand gedrückt hat. Keine Ahnung, was es damit auf sich hat, aber es scheint ziemlich bedeutend zu sein. Schließlich will man mich dafür töten. Meine Stadt Veridon ist ein gefährlicher Ort. Aber wenn es sein muss, kann ich noch viel gefährlicher sein ..

Vor einigen Jahren tauchte plötzlich das Genre »Steampunk« auf. Ich glaube, zunächst tatsächlich »nur« als eine Modebewegung aus der Gothicszene heraus.
Optisch hatte es durchaus auch seine Reize zu bieten und plötzlich hielt ich in einem Buchladen auch das erste literarische Werk in den Händen, dass dieses Thema bediente. Ich erinnere mich noch, dass es »Boneshaker« der Amerikanerin Cherie Priest war. Witzigerweise sind ihre Bücher nicht weiter ins Deutsche übersetzt worden, obwohl es definitiv eine Reihe ist und der Run um das Genre »Steampunk« dann auch erst losging.

Neben diversen Lizenzübersetzungen aus dem anglo-amerikanischen Raum, stürzten sich vor allem etliche Selfpublisher auf das Thema.

Es versprach auch für mich als Leser, eine Menge Innovation, die …
… nur leider meist nicht eingehalten wurde.

Ich lese selten ein Buch nicht zu Ende, auch wenn es mir nicht besonders gefällt, möchte ich mir doch eine fundierte Meinung bilden und halte oft bis zum Schluss durch. Mal abgesehen davon, dass ich mittlerweile von dieser Haltung abgewichen bin, weil ich schlicht denke, dass ich zu alt für so einen Quatsch bin und meine verbliebene Lebenszeit nicht mit schlechten Geschichten verbringen möchte … wenn ich allerdings ein Buch abgebrochen habe, dann waren es oft Werke aus dem sog. »Steampunk«

Ich sage bewusst »sog.«, denn Steampunk sollte mehr sein, als ein Protagonist mit Fliegerbrille am Zylinder und ein paar Zahnrädern als roboterähnlichen Automaten. Vielleicht ist »Steampunk« eben doch »nur« ein Genre, dass seinen Reiz ausschließlich durch die Optik entfalten kann. (Was erklären würde, dass es weitaus mehr wirklich gute Comics dieses Sujets gibt, als Romane)

Es könnte aber auch daran liegen, dass sich die meisten Autoren – die ICH versucht habe zu lesen – einfach keine Mühe gaben, dem Genre wirklich Innovatives abzugewinnen und einfach eine gute Geschichte zu schreiben. Eine Geschichte, die vielleicht auch ohne die »Steampunk« Accessoires funktionieren würde, durch diese aber eben etwas besonderes wird.

Die meisten »Steampunk« Storys spielen im viktorianischen England, sind schlichte Detektivgeschichten, ein paar Zombieanleihen, hier und da einige Vampire, etwas Frauenemanzipazion und ansonsten vor allem ganz viel Romance. Da werden dann einfach rostige Zahnräder an steife Mäntel und Kleider genäht, ein Teekessel wird zu einer Art Computer und fertig ist der »Steampunk«.

Und die Krönung ist dann noch, dass man sich ellenlang über historische Korrektheit streitet. Historische Korrektheit? In einem Genre, dass eine Unterkategorie der Fantasy Fiction ist? Nein. Nicht Science Fiction, die das Wissenschaftliche ja im Namen trägt. Fantasy Fiction? Und die Autoren beschneiden sich selbst in ihrer innovativen Freiheit?

Es gibt natürlich Ausnahmen. Beispielhaft möchte ich hier alle Werke der deutschen Autorin Anja Bagus (Steampunk, Anfang 20stes Jahrhundert im deutschen Kaiserreich) und die beiden »Puppen« Bücher des Autorenduos Judith & Christian Vogt nennen. (Wirklich alternativer Weltenentwurf und sau gute Abendteuerschmöker, die alles aus dem Genre rausholen, was nur geht!)

Für mich als Leser, der den Begriff »Steampunk« das erste Mal übrigens im Zusammenhang mit der Ästhetik der Welt des Computerspiels »Final Fantasy 7« bewusst wahrgenommen hat, konnten die oben beschriebenen, einfach lieblos hingeschluderten sog. »Steampunk« Geschichten nur Enttäuschungen sein.

Wollt Ihr wirklich ein Beispiel dafür, wie schlecht die sein können? Ich will doch keine Werbung für sowas machen. Na gut. Ich verlinke in den Shownotes die sog. »Steampunksaga« von Steve Hogan. Die wirklich so ein dermassener Schrott ist, dass diese Assoziation des Rostigen schon fast die Genrebeschreibung rechtfertigt.

Gut.

Jetzt gibt es aber noch Tim Akers und seine beiden »Veridon« Bücher. Band 1 habe ich auf meinem Blog ausführlich rezensiert und da Band 2, dem in nichts nachsteht, will ich hier einfach mal ganz allgemein auf beide Bücher aufmerksam machen.

Wenn man Band 1 gelesen und gut gefunden hat, dann sollte man nicht zögern, zu Band 2 zu greifen. Sie erzählen zwar gut in sich abgeschlossene Geschichten, man kommt aber mit dem Weltenentwurf doch etwas besser klar, wenn man Band 1 kennt. Denn hier tut Akers etwas, dass viele Fantasy-Leser wohl nicht mögen, aber ich liebe es.

Er wirft einen in seine komplex ausgearbeitete Welt einfach mal so hinein und als Leser kann man dann zusehen wo man bleibt.

Wir haben eine Stadt, die auf/in/über einem riesigen Wasserfall errichtet wurde und deren Macht auf gefundenen und durch eine Kirche nach und nach veränderten mechanischen Artefakten beruht. Artefakten, die nicht nur Luftschiffe, sondern auch eine Art von Cyborgs erschaffen.

Wir haben Jacob Burn, der einst ein Adliger und Luftschiffpilot war, zu den Obersten von Veridon gehörte und durch irgendetwas zu Fall kam. Jetzt als Verbrecher oder vielleicht doch so eine Art Privatdetektiv arbeitet. Das Ganze erinnert sehr angenehm an den klassischen Noir-Krimi, zumal der Autor zur Ich-Perspektive greift. Burn ist genauso ein Sozialromantiker, der ständig auf die Fresse bekommt, aber zum Glück ist er ja auch mechanisch verändert und auch wenn er eigentlich mit niemanden etwas zu tun haben will, setzt sich seinn Gerechtigkeitssinn dennoch immer durch.

Es gibt keine langen Erklärungen, wie diese Welt funktioniert. Ja, sie trägt deutliche Züge des Steampunk und ist in ihrem radikalen Entwurf mit »Die Götter von Whitechappel« vergleichbar. Wartet mit mechanischen Engeln, sog. Fötalmetallen, Mechagenetik, mit im Wasser »lebenden« Leichen und mit humanoiden Arachnoiden auf.

Der Spannung tut das keinen Abbruch, da Akers sein Handwerk des guten Drei-Akt-Plots mit allen Twists und Höhepunkten versteht. Darüber hinaus bietet der Einfallsreichtum des Autors einfach zuviel, an dem sich der (mit ein bisschen Fantasie und Vorstellungskraft begnadete) Leser erfreuen kann. Selbst ein kleiner Funken (ritterlicher) Romantik ist vorhanden und der lakonische Ich-Erzähler packt speziell in seinen Dialogen mit dem Anansi Wilson (das ist so ein humanoider Arachnoide) noch eine gehörige Portion Humor dazu.

»Veridon« ist eine rasant erzählte Räuberpistole, die das Sujet »Steampunk« endlich mal wieder voll und ganz ausreizt.
Fantasy, die eben nicht im Mittelalter, sondern in einem industriellen Retrofuturismus angesiedelt ist und mehr Züge von Science Fiction, denn von Tolkien trägt.

Jedem, der Lust darauf hat, beim Lesen seine Vorstellungskraft etwas anzuspornen und grundsätzlich mit einem Noir-Krimi im Steampunk-Gewand klar kommen könnte, kann ich die beiden »Veridon« Bücher von Tim Akers nur empfehlen. Mir haben sie einen riesen Spaß bereitet. Ein wenig fühlt man sich beim Lesen wieder wie ein Junge, der heimlich unter der Bettdecke eine Mischung aus Sherlock-Holmes, Jule Verne und Karl May liest.

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